Gefahrgutunfall mit Brand forderte 200 Einsatzkräfte

Die Brandbekämpfung war eine der Ziele der Katastrophenschutzübung in Chieming-Egerer. Wegen der möglichen Gefahr giftiger Dämpfe konnten die nur Löschtrupps mit Atemschutzgeräten am Brandort arbeiten.

Wegen der Vielzahl an Rettungs- und Hilfsdiensten und dem dadurch entstehenden erhöhten Koordinierungsbedarfs wurde Kreisbrandinspektor Manfred Unterstein (mitte) vom Landratsamt Traunstein zum Örtlichen Einsatzleiter (ÖEL) bestellt. Er wurde dadurch mit der Gesamtleitung des Einsatzes beauftragt.

Die Menschenrettung stand im Vordergrund der Katastrophenschutzübung. Nach Rettung aus dem Gefahrenbereich wurden die Verletzten von Helfern des BRK und Notärzten versorgt und in Krankenhäuser transportiert.

Auch die Wasserversorgung wurde bei der Großübung getestet. Mit Tanklöschfahrzeugen wurde ein Pendelverkehr eingerichtet. Aus Sondermoning, zwei Kilometer vom fingierten Brandort entfernt, wurden so Tausende Liter Wasser zur Versorgung der Löschtrupps antransportiert.

Notärzte und BRK-Helfer versorgten die perfekt und täuschend echt geschminkten Verletzten und zur Registrierung und der Übung wegen auch die Feuerwehrler, die von der Übungsleitung kurzerhand zu „Verletzten“ erklärt wurden.

Chieming. Das Szenario lässt einem kalte Schauer über den Rücken laufen und ist mehr als besorgniserregend: Dichter, schwarzer Brandrauch, schmerzerfüllte Hilferufe aus einer Lagerhalle, heulende Sirenen und das Anrücken einer Armada aus Feuerwehren, Rettungsdiensten und Polizei bestimmten am vergangenen Samstag das Bild im Gewerbegebiet Egerer an der Sondermoninger Straße. In Wirklichkeit war nichts passiert, sondern alles nur eine Übung, bei der 200 Einsatzkräfte die Zusammenarbeit bei einem Gefahrgutunfall mit zahlreichen Verletzten, die Menschenrettung, das Bergen gefährlicher Stoffe und das Löschen eines Großbrandes übten.   

Schauplatz der vom Landratsamt Traunstein initiierten Katastrophenschutzübung war das Betriebsgelände der EHG Recycling in Egerer. Das Übungsdrehbuch gab vor, dass ein Gabelstapler, beladen mit Essigsäure und cyanidhaltigen Abfällen, in Brand gerät. Das Feuer greift auf ein Werkstattgebäude und später auf eine Lagerhalle für Reststoffe über. Einige, der auf Paletten transportierten Essigsäurekanister liefen aus. Dadurch kommt es zur chemischen Reaktion mit Cyanid und es entsteht die sehr giftige Blausäure. 

EHG-Geschäftsführer Thomas Engmann stellte das Firmengelände zur Verfügung, um zu erfahren, wie Feuerwehr und Rettungsdienst bei einem Schadensfall mit Freisetzung von gefährlichen Stoffen reagieren und welche Maßnahmen, insbesondere zur Rettung von Mitarbeitern und Kunden ergriffen werden. Die Übung diente aber auch zur Überprüfung der firmeneigenen Sicherheitsvorkehrungen und um diese zu optimieren. Nach der Alarmierung durch die Integrierte Leitstelle Traunstein um 9.11 Uhr und der Meldung „Brand im Bereich Gefahrstofflager, mehrere Personen im Gebäude, Freisetzung giftiger Stoffe“ rückten die Feuerwehren aus Chieming, Traunstein, Nußdorf, Hart, Ising, Traunreut und Seebruck an, die später durch weitere Einheiten der Feuerwehren Grabenstätt, Stein und Trostberg verstärkt wurden. Ebenso wurden mehrere Rettungswagen des Bayerischen Roten Kreuzes, die Sanitätseinsatzleitung mit Leitendem Notarzt, Einsatzleiter Rettungsdienst und Unterstützungsgruppe zur vermeintlichen Unglücksstelle beordert. Die Erstmaßnahmen der Feuerwehren bestanden darin, den Brandort wegen der Gefährdung durch Giftstoffe großräumig abzusperren. Dies beinhaltete auch den angrenzenden Wertstoffhof, der geschlossen werden musste. Die Menschenrettung und Brandbekämpfung im Gefahrenbereich war nur Feuerwehr-Einsatzkräften möglich, die mit Atemschutzgeräten ausgerüstet waren. Da der umfangreiche Einsatz mehrerer Hilfs- und Rettungsdienste einen erhöhten Koordinierungsbedarf erforderlich machte, bestellte das Landratsamt Traunstein Kreisbrandinspektor Manfred Unterstein zum „Örtlichen Einsatzleiter“ bestellt. Alle eingesetzten Hilfsorganisationen und Einheiten wurden dadurch seinem Kommando unterstellt. Unterstützt wurde Unterstein dabei von Kreisbrandmeister Karl-Heinz Handrick sowie Stefan Reichelt und Gerhard Tersteegen, den beiden Kommandanten der Feuerwehr Chieming und der Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung (UG-ÖEL). Sie sorgte für die Kommunikation zwischen den eingesetzten Einheiten, dokumentierte den Einsatzverlauf hielt Verbindung zur Führungsgruppe Katastrophenschutz im Landratsamt Traunstein.

Im Mittelpunkt der Übung stand selbstverständlich die Menschenrettung. Die Notärzte und Rettungskräfte des  Roten Kreuzes versorgten insgesamt 23 fingierte Verletzte, die in umliegende Krankenhäuser gebracht wurden. Unter den Verletzten waren auch zehn Feuerwehrler. Sie wurden von der Übungsleitung kurzerhand als „verletzt“ erklärt, nachdem sie im Gefahrenbereich ohne Atemschutzgeräte tätig waren. Die Einsatzleitung veranlasste auch, dass die Bevölkerung über Rundfunk und mit Lautsprecherdurchsagen gewarnt und aufgefordert wurde Türen und Fenster geschlossen zu halten. Nachgefordert wurde ein spezieller Messwagen der Feuerwehr Altötting, der vor Ort und in der Umgebung Schadstoffmessungen der Luft durchführte.

Erprobt wurde auch die Wasserversorgung. Um ein Ausbreiten des Feuers auf weitere Hallen im Betriebsgelände oder benachbarte Gewerbebetriebe zu verhindern, mussten zahlreiche Löschtrupps in Stellung gebracht werden. Um ausreichend Wasser zur Verfügung zu haben wurden lange Schlauchleitungen, unter anderem von einer Zisterne im nördlichen Gewerbegebiet Egerer bis zur Brandstelle verlegt. Später ordnete die Einsatzleitung einen Pendelverkehr mit wurde mit Tanklöschfahrzeugen von Sondermoning bis Egerer an, über den Tausende Liter Wasser zur Übungsstelle transportiert wurden.

Besonders viel abverlangt wurde den Einsatzkräften nicht nur durch die schwierigen Gegebenheiten des Übungsszenarios, sondern auch durch das schwül-heiße Wetter, das vor allem für die Atemschutzträger große körperliche Anstrengung bedeutete. Um 11.30 Uhr, etwas mehr als zwei Stunden nach Alarmierung, waren alle (geschminkten) Verletzten gerettet und der fingierte Brand unter Kontrolle. 

Kreisbrandrat Hans Gnadl zog am Ende der Übung eine zufriedenstellende Bilanz. Er betonte, dass das Übungsszenario nicht der Realität entsprochen habe, da die beiden chemischen Stoffe nicht miteinander transportiert werden dürfen. Die Übungsleitung legte die Meßlatte absichtlich eins höher, um die Herausforderung für die Einsatzkräfte zu steigern und damit noch mehr Erfahrungen sammeln zu können. Die Unterstützung und Offenheit der Firma EHG habe die Katastrophenschutzübung und das gemeinsame Üben erst möglich gemacht. Die Details werden bei einer Nachbesprechung der Führungskräfte und Übungsbeobachter diskutiert und erörtert. EHG-Geschäftsführer Thomas Engmann äußerte sich beeindruckt von den Leistungen der Feuerwehren und Rettungsdienste. Die Zusammenarbeit, speziell zwischen den Verantwortlichen des Recyclingunternehmens und der Feuerwehren habe ausgezeichnet funktioniert. Dennoch gebe es Verbesserungspotential um auf einen möglichen Ernstfall noch besser gerüstet zu sein. Chiemings Bürgermeister Benno Graf, der die Großübung ebenso wie Landrat Hermann Steinmaßl mit Interesse verfolgte, würdigte den Einsatz aller Teilnehmer, die sich ehrenamtlich bei den Hilfs- und Rettungsdiensten engagieren und ihre Freizeit für den Dienst am Gemeinwohl opferten. Graf hob hervor, dass die Übung auch gezeigt habe, welche ausgeklügelten Sicherheitsvorkehrungen der immer wieder in der Kritik stehende Recyclingbetrieb treffe, um Gefährdungen der Bevölkerungen auszuschließen. Die Anstrengungen der Übungsteilnehmer wurden mit einer Brotzeit belohnt, gespendet von der Firma EHG und zubereitet von der „Küchentruppe“ des THW Traunreut. pv.

Fotos: Volk

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